Textile Lektionen

Ausgabe #6
Juli 2017
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Mit der Sámi Artist Group stellt die documenta 14 eine wegweisende Künstlerformation der arktischen indigenen Bevölkerung der Samen aus. In ihrer komplexen Formensprache und den ungewöhnlichen Materialien verweben sich Geschichte und Gegenwart in besonderer Weise.

In großen Saal der documenta Halle hängt ein Objekt, das die Besucher_innen auf intime Weise nah an sich heranzieht. Es handelt sich um einen dreiundzwanzig Meter langen Fries aus Leinen, der mit filigranen Motiven bestickt ist. Auf dem glatten weißen Stoff wölben sich in oft nur millimetergroßen Formen winterliche Birkenwälder, braune, schwarze und rote Tierkörper, Menschen mit roten Mützen, Rentierschlitten, Zelte, Gewässer, Wiesen, Häuser, Ställe, Kirchen, ein Parlament und der Sternenhimmel.

Abb. 1
Britta Marakatt-Labba: Historia (2003-2007), Stickereien, Druck, Applikationen und Wolle auf Leinen 39 cm × 23,5 m. Leihgabe der KORO, Public Art Norway, Oslo für die documenta 14 Ausstellungsansicht documenta 14, Kassel 2017.
Digitalte Fotografie.
© Roman März.

Das von der Künstlerin Britta Marakatt-Labba über die Dauer von vier Jahren in aufwendiger Handarbeit hergestellte Werk Historja erzählt in einem Bilderfluss von der Geschichte der Sámi People. 11Britta Marakatt-Labba: Historja (2003–07), Stickereien, Druck, Applikationen und Wolle auf Leinen 39 cm × 23,5 m. Leihgabe der KORO, Public Art Norway, Oslo. Diese indigene Bevölkerungsgruppe lebt seit mehreren tausend Jahren in den arktischen Regionen Europas, verteilt auf Gebiete Schwedens, Finnlands, Norwegens und Russlands, von der Jagd und der Rentierzucht. Als Halbnomaden mit einer schamanistisch geprägten Kultur waren die seit dem 14. Jahrhundert wiederkehrenden kolonialen Eroberungspolitiken und einer zwangsweisen Christianisierung ausgesetzt, die bis weit ins 20. Jahrhundert auf fatale Weise wirksam blieben. Bei der Wiederherstellung ihrer politischen Rechte spielten samische Künstlerinnen und Künstler eine entscheidende Rolle. Allen voran waren es die Mitglieder der 1978 gegründeten Artist Group, die den Protestbewegungen politische Strukturen, Stimmen und Bilder gaben. 22Zu den Mitgliedern der Sámi Artist Group (1978–1983) zählten: Synnøve Persen, Aage Gaup, Josef Halse, Ingunn Utsi, Maja Dunfjeld, Iver Jaks, Hans Ragnar Mathisen, Tryge Lund Guttormsen, Ranveig Persen, Berit Marit Haetta, Britta Marakatt-Labba. Die 1979 gegründete transnationale sche Künstlergewerkschaft SDS war eine zentrale Stütze dieses Kampfes, ebenso die Kreation der schen Flagge durch Synnøve Persen. Das 1973 zunächst in Finnland gegründete -Parlament („Sameting“) vertritt heute auch in Schweden und Norwegen institutionell die politischen Interessen der People. Ihre politische Praxis verstanden sie zugleich als die einer künstlerischen Avantgarde. 33Zu diesem Ansatz siehe: Hanna Horsberg Hansen: „Artist Group 1978–1983. Otherness or Avantgarde?“ in: Avantgarde Critival Studies, Volume 30, Rodopi Amsterdam 2014, S. 251–266.

Abb. 2
Synnove Persen: The Flag (1977), Siebdrucktinte auf Papier 30 × 44 cm (Blatt), documenta 14 Kassel. Quelle: http://www.documenta14.de/de/artists/13551/sami-artist-group-keviselie-hans-ragnar-mathisen-britta-marakatt-labba-synnove-persen-

Die documenta 14 versammelt mit den Flaggen von Synnøve Persen, den Landkarten von Ragnar Mathisen und den Stickbildern von Britta Marakatt-Labba drei hochinteressante Positionen dieser Gruppe. 44Gezeigt werden u.a.: Hans Ragnar Mathisen: Sábmi (Sápmi) (2017), Farbstift auf beschichteter Plastikfolie, 90,5 × 90,2 cm gesamt; Synnøve Persen: Sámi Flag Project (1977–2017) in Athen und Kassel. Vor allem Letztere schlägt mit ihrem Fries eine Brücke zwischen Geschichte und Gegenwart, verbinden sich doch darin traditionelle handwerkliche Technik und eine an moderner Grafik geschulte Bildsprache. Für mich als Besucherin gehörte die Kombination aus zartem Material, filigranen Stichen und irritierenden, komischen, aber auch gewaltvollen Darstellungen zu den großen Entdeckungen unserer documenta-Exkursion.

Aus blassblauen arktischen Wäldern schlüpfen wilde Tiere, Herden von Rentieren fließen über Hügel, ziehen Schlitten, bilden kreisförmig eingehegte Gruppen, verlieren sich im Wasser und werden schließlich auf grünen Weiden durch dicke Kühe im Stall ersetzt. Doch die Idylle täuscht: aus ihrem überdimensionalen Misthaufen wächst der Aufstand: mit Forken bewaffnet dringen die in eine Kirche ein, brennen sie nieder, erschlagen den Priester und auf dem Friedhof ziehen Krähen über frische Kreuze. Unter einem blau eingefärbten Himmel versammelt die Künstlerin schließlich traditionelle Gegenstände samischer Kultur mit Bildern eines modernen Parlaments. Die Künstlerin verwebt in buchstäblicher Weise mythische Narrative mit politischen Kämpfen der Gegenwart zu einem sich permanent fortschreibenden Bild, das sich in linksläufiger Richtung gegen den westlichen Lesefluss entfaltet. 55Siehe dazu Jan-Erik Lundström: „Cosmos in the Vernacular“ in: Britta Marakatt-Labba Broderade berätteleser/Embroidered Stories, Norwegen: Konzentrat Förlag 2010, S. 141–146.

Abb. 3
Britta Marakatt-Labba: Historja-Detail, Ausschnitt aus Britta Marakatt-Labba: Historia (2003-2007).
Quelle: https://publicartnorway.org/tromsoguide/

Die Faszination, die das Werk auszuüben vermag, rührt zunächst aus dem Verhältnis von Bild und Betrachter_in, denn das Werk erfordert durch seinen kleinteiligen Bildaufbau eine physische Nähe und Konzentration, die uns inmitten der riesigen Ausstellungshalle auffordert, ganz nah heran zu treten und in langsamen, kleinen Schritten eine Geschichte zu entdecken.

Die Faszination rührt aber auch aus der Tatsache, dass Marakatt-Labbas Arbeiten in einer Tradition textiler Bildwerke stehen, die nach den elaborierten Tapesterien des 18. und 19. Jahrhunderts aus dem Kanon westlicher Kunst fast völlig verschwunden sind. Diese Konfrontation mit einem „vergessenen“ Bildtypus wird noch dadurch verstärkt, dass sie die Künstlerin sie mit Elementen des „duodji“ (der traditionellen samischen Handwerkskunst) anreichert, mit der indigenes Wissen aufgehoben und weitergegeben wird. Zugleich weisen jedoch ihre asketisch-moderne Formensprache und ihre thematischen Bezügen zur Gegenwart das Objekt als dezidiert zeitgenössisches Kunstwerk aus.

Es scheint mir deshalb auch eine wunderbare Pointe, dass das Werk Historja normalerweise an einem Ort des Wissens ausgestellt wird, nämlich an der nördlichsten Universität der Welt, in Tromsø. 66Das Werk befindet sich in den Solhallen, Hansine Hansesn veg 36, auf dem Gelände der Universität. Ein Verzeichnis der Kunstwerke der Hochschule befindet sich hier: https://publicartnorway.org/tromsoguide/ Die Sámi People, die so oft Gegenstand von Wissenspolitiken wurden, stellen hier mit den Mitteln zeitgenössischer Kunst ihre eigenen historischen, kulturellen und utopischen Wissenskonstellationen aus.

Mit seiner langen Produktionszeit, seiner körpergebundenen, händischen Produktionsform, mit seiner Perspektive auf indigene Geschichte und seiner komplexen Formsprache verkörpert das Werk für mich geradezu paradigmatisch den kuratorischen Gestus der documenta 14, nämlich respektvolle Blicke auf die Diversität zeitgenössischer Kunstpraktiken in den verschiedensten Teilen der Welt zu ermöglichen und auch die Perspektiven derer aufzunehmen, die nicht Teil des hegemonialen Kunstmarktes sind.

    Fußnoten

  • 1Britta Marakatt-Labba: Historja (2003–07), Stickereien, Druck, Applikationen und Wolle auf Leinen 39 cm × 23,5 m. Leihgabe der KORO, Public Art Norway, Oslo.
  • 2Zu den Mitgliedern der Sámi Artist Group (1978–1983) zählten: Synnøve Persen, Aage Gaup, Josef Halse, Ingunn Utsi, Maja Dunfjeld, Iver Jaks, Hans Ragnar Mathisen, Tryge Lund Guttormsen, Ranveig Persen, Berit Marit Haetta, Britta Marakatt-Labba. Die 1979 gegründete transnationale sche Künstlergewerkschaft SDS war eine zentrale Stütze dieses Kampfes, ebenso die Kreation der schen Flagge durch Synnøve Persen. Das 1973 zunächst in Finnland gegründete -Parlament („Sameting“) vertritt heute auch in Schweden und Norwegen institutionell die politischen Interessen der People.
  • 3Zu diesem Ansatz siehe: Hanna Horsberg Hansen: „Artist Group 1978–1983. Otherness or Avantgarde?“ in: Avantgarde Critival Studies, Volume 30, Rodopi Amsterdam 2014, S. 251–266.
  • 4Gezeigt werden u.a.: Hans Ragnar Mathisen: Sábmi (Sápmi) (2017), Farbstift auf beschichteter Plastikfolie, 90,5 × 90,2 cm gesamt; Synnøve Persen: Sámi Flag Project (1977–2017) in Athen und Kassel.
  • 5Siehe dazu Jan-Erik Lundström: „Cosmos in the Vernacular“ in: Britta Marakatt-Labba Broderade berätteleser/Embroidered Stories, Norwegen: Konzentrat Förlag 2010, S. 141–146.
  • 6Das Werk befindet sich in den Solhallen, Hansine Hansesn veg 36, auf dem Gelände der Universität. Ein Verzeichnis der Kunstwerke der Hochschule befindet sich hier: https://publicartnorway.org/tromsoguide/
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Gedruckt: 18.11.2017
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